
Texter 2026:
Kurator, Stratege, Gesprächs-Partner
Als ich 2007 anfing, für das Web zu schreiben, waren meine wichtigsten Werkzeuge der Duden, schnelle Finger auf der Tastatur und ein noch recht ursprüngliches Wireframe-Tool. Heute teile ich mir den Bildschirm mit Claude Sonnet, der alle drei ersetzt hat.
Was sich verändert hat
KI tippt schnell, viel und unermüdlich. Was ihr fehlt: das Gespür dafür, warum ein Kunde seit drei Jahren nicht schläft, weil seine Landingpage nicht konvertiert. Das Briefing-Gespräch, die Frage hinter der Frage, das stille Übersetzen von „modern und professionell" in „bitte bloß nicht klingen wie unsere Konkurrenz" — das bleibt menschliche Arbeit. Gut bezahlte, wenn man es richtig macht.
Kuratieren statt kapitulieren
Zwischen „nur schreiben" und „nur prompten" liegt das Urteilsvermögen — die Fähigkeit zu erkennen, welcher Entwurf trägt und welcher zwar flüssig klingt, aber bei näherer Betrachtung nichts enthält außer sich selbst. Claude Sonnet liefert Material. Ich liefere Verbesserungsvorschläge. Gemeinsam nähern wir uns dem idealen Output an und übersetzen die Corporate Language am Ende in einen Skill.
Praktisch bedeutet das: Brand-Language-Skills, die die Markenstimme eines Unternehmens so in die KI einschreiben, dass der Output nicht nach Maschine klingt, sondern nach dem Unternehmen selbst. Handwerk mit modernen Mitteln — wie ein Schreiner, der keine Säge mehr von Hand führt, aber nach wie vor weiß, wo die Maserung langläuft.
Was Kunden wirklich brauchen
Jemanden, der ihnen sagt, was sie eigentlich meinen. KI produziert auf Knopfdruck Texte, die grammatikalisch makellos und inhaltlich blutleer sind. Ob ein Text gelesen oder weggeklickt wird, entscheidet sich nicht im Modell — sondern in dem Moment, in dem jemand wirklich verstanden hat, wen er da gerade anspricht.
Nach fast 20 Jahren in der digitalen Kommunikation lässt sich sagen: Diese Fähigkeit altert ausgesprochen gut. Sprachmodelle etwas weniger.
Also, 2026?
Wer behauptet, keine KI zu brauchen, verliert. Wer behauptet, selbst eine zu sein, auch. Wer die Maschine führt, das Ergebnis bewertet und am Ende Text liefert, der wirklich sitzt — der hat noch lange zu tun.
Gelernt ist gelernt. Und neu dazugelernt sowieso.
Das große Netz-Upgrade – oder:
Wie KI-Texte das Web unter dem Strich verbessert haben
Es klingt paradox, aber es stimmt: Das Internet liest sich besser als vor zehn Jahren. Nicht trotz KI – sondern teilweise wegen ihr. Und das, obwohl (oder gerade weil) inzwischen mehr als die Hälfte aller neu erscheinenden Artikel von Maschinen stammt.
Laut einer Studie von Graphite.io überstieg der Anteil KI-generierter Artikel im November 2024 erstmals die Menge der von Menschen verfassten Inhalte. Ein historischer Kipppunkt. Und doch: Wer heute durch gut gepflegte Websites scrollt, findet seltener jene spezielle Sorte Text, die früher das Web verseucht hat – das Keyword-Stuffing-Geschwurbel von Billigagenturen, das weder Menschen noch Suchmaschinen glücklich gemacht hat.
Die Bereinigung von oben
Googles March 2024 Core Update hat sich ein klares Ziel gesetzt: 40 Prozent weniger minderwertige, unoriginelle Inhalte in den Suchergebnissen. Was folgte, war eine stille Massenentlassung im schlechtesten Segment des Content-Markts. Allein in der Anfangsphase des Updates wurden über 800 Websites vollständig aus den Google-Suchergebnissen entfernt – darunter viele, die massenhaft KI-generierten Spam produzierten. Websites, die jahrelang mit Keyword-Dichte statt Substanz gepunktet hatten, verschwanden fast lautlos aus dem Netz.
Wer hat das am meisten gespürt? Die Billigtexter-Industrie. Jene Freelancer-Plattform-Armeen, die für drei Euro pro 500 Wörter beliebige Produkte in beliebige Texte verpackt haben – mit exakt 2,3 Prozent Keyword-Dichte und null erkennbarem Mehrwert. Diese Texte waren nie gut. Jetzt ranken sie auch nicht mehr.
Das Plateau hat eine Logik
Das Wachstum KI-generierter Inhalte hat sich 2025 stabilisiert, weil Google und andere Suchmaschinen ihre Algorithmen massiv angepasst haben, um minderwertige KI-Inhalte abzuwerten – und Content-Produzenten dadurch wieder mehr menschliche Kontrolle einsetzen müssen, um nicht im digitalen Nirvana zu verschwinden.
Das ist die eigentliche Pointe: Die KI hat nicht nur schlechte Texte produziert – sie hat auch das Selektionssystem gezwungen, endlich ernst zu machen. Eine Studie der SSRN hat unter dem Begriff „Content Homogenization" empirisch belegt, dass KI-generierte Inhalte messbar in Wortwahl, Struktur und Argumentation konvergieren – und damit genau das Gegenteil von dem liefern, was Google mit „Information Gain" belohnt: echte neue Perspektiven, die man woanders nicht findet.
Klingen wie KI ist das neue Klingen wie eine Pressemitteilung
Wer heute einen Text liest, der mit „In der heutigen schnelllebigen Welt..." beginnt, weiß sofort: Hier war niemand wirklich dabei. Das Publikum ist sensibler geworden. Eine Studie von Bynder zeigt, dass 26 Prozent der Verbraucher eine Marke als unpersönlich wahrnehmen, wenn ihre Website-Texte nicht von Menschen geschrieben wurden – und 20 Prozent das Gefühl haben, die Marke macht es sich damit zu einfach.
Das Netz ist also nicht besser geworden, weil KI bessere Texte schreibt. Es ist besser geworden, weil das Volumen der schlechten Texte inzwischen so groß ist, dass alle gelernt haben, sie zu erkennen – Algorithmen, Leserinnen und Auftraggeber eingeschlossen.
Was bleibt, ist das, was immer funktioniert hat: ein Standpunkt. Eine Stimme. Die Fähigkeit, etwas zu sagen, das nicht schon dreimal generiert wurde.
Wer das kann – ob mit oder ohne KI als Werkzeug –, hat gerade Hochkonjunktur. Und wer es nicht kann, sucht gerade einen neuen Job.


KI-Texte & Recht:
Was Auftraggeber wissen sollten
Wer heute Texte in Auftrag gibt, stellt sich früher oder später zwei Fragen: Stammt das von einer KI? Und: Spielt das eigentlich eine Rolle? Die Antwort auf die zweite Frage ist ein klares Jein – je nachdem, wie der Text entstanden ist und was man mit ihm vorhat.
Wem gehört, was die KI schreibt?
Nach deutschem Urheberrecht sind nur persönliche geistige Schöpfungen von Menschen schutzfähig. Wer die KI per Prompt ansteuert und das Ergebnis direkt übernimmt, erzeugt damit kein urheberrechtlich geschütztes Werk. Unbearbeiteter KI-Output ist im Rechtssinn gemeinfrei: Er darf von Dritten uneingeschränkt kopiert und erneut veröffentlicht werden.
Für Auftraggeber bedeutet das: Wer für Websitetexte bezahlt und substanzlosen KI-Output bekommt, hat möglicherweise nicht nur schlechten Content erworben, sondern Content, der ihm nicht einmal wirklich gehört.
Wann wird aus KI-Text ein geschütztes Werk?
Hier liegt der eigentliche Knackpunkt. Die Rechtslage ist in ihrer Logik recht eindeutig: Je stärker ein Mensch steuernd, korrigierend und nachbearbeitend eingegriffen hat, desto eher erreicht das Ergebnis die erforderliche Schöpfungshöhe – und kann urheberrechtlichen Schutz genießen.
Was zählt, ist also die erkennbare menschliche Gestaltungsleistung: in der Struktur, im Ton, in der Argumentation, in der sprachlichen Handschrift. Einfaches Umformulieren reicht dabei nicht – die kreative Eigenleistung muss substanziell sein. Wer KI als Werkzeug nutzt, aber das Ergebnis wirklich formt und verantwortet, steht urheberrechtlich auf festem Boden. Wer den Output unverändert durchreicht, eher nicht.
Was hat die DSGVO damit zu tun?
Weniger, als viele befürchten – solange keine personenbezogenen Daten im Spiel sind. Bei der reinen Erstellung von Inhalten ohne Personenbezug greift die DSGVO schlicht nicht. Eine Produktbeschreibung, ein Blogartikel, ein Erklärvideo-Skript: datenschutzrechtlich unproblematisch.
Anders sieht es aus, sobald Kunden- oder Mitarbeiterdaten in ein KI-System eingespeist werden. Dann gelten die üblichen Regeln. Und: Wer solche Daten im Kundenauftrag verarbeitet und dabei KI einsetzt, ist verpflichtet, den Auftraggeber darüber zu informieren. Ein Schritt, den viele schlicht vergessen.
Muss KI-Text als KI-Text gekennzeichnet werden?
Nicht grundsätzlich. Die Kennzeichnungspflicht entfällt, wenn der Text redaktionell geprüft wurde und eine Person die inhaltliche Verantwortung dafür trägt. Genau das ist es, was professionelle Texter tun und womit sie sich von reiner Prompt-Bedienung unterscheiden: Sie stehen mit ihrem Namen und ihrem Urteil für das Ergebnis ein.
Was heißt das für die Praxis?
Der Unterschied zwischen „KI als Werkzeug in erfahrenen Händen" und „KI als Ersatz für Nachdenken" lässt sich rechtlich benennen und qualitativ spüren. Wer Texte in Auftrag gibt, darf ruhig fragen, was im Prozess tatsächlich geleistet wurde. Eine gute Antwort auf diese Frage ist selbst schon ein Qualitätsmerkmal.
